Präsidentenwahl

…nein, nicht die in den USA. Davon habe ich letzten November wahrscheinlich weniger mitbekommen als ihr in Deutschland, weil die meisten Ticos nicht sonderlich am  internationalen Geschehen interessiert sind. Einige wussten nicht einmal, wer eigentlich die Kandidaten waren – obwohl die Politik der Vereinigten Staaten sie als (Mittel-) Amerikaner ja auch stark betrifft.

Ich als gebürtige US-Bürgerin habe die Wahl dagegen fassungslos verfolgt und war ein wenig frustriert von der Gleichgültigkeit und dem Nichtwissen meiner Klassenkameraden.

Aber ich schweife ab… Das heutige Thema ist nämlich wie im ersten Satz angekündigt eigentlich ein ganz anderes  😉

Ein halbes Jahr später fanden an meiner Schule die plazas públicas statt. Man erzählte mir schon von Anfang an davon, aber da dieses Ereignis immer im Mai stattfindet, hatte ich die letzten nicht mitbekommen. Und ehrlich gesagt konnte ich mir darunter auch nie wirklich etwas vorstellen. Da gab es Gerede von Wahlkampf und Mottoparty, Diskussionsrunden und Karaoke.
Es stellte sich heraus, dass man unter diesem Begriff (wörtlich übrigens „öffentliche Plätze“) eine gesamte Woche versteht, die darauf hinzielt, einen Präsidenten für die Schule zu wählen. Alle Klassenstufen haben das Recht, einen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Die Anzahl der Parteien variiert jedes Jahr, aber dieses Mal gab es zwei: der Abschlussjahrgang hat eine gegründet und die Neunt- und Zehntklässler haben sich gegen uns verbündet. Die Gruppen organisieren dann ein Komitee, überlegen sich einen Namen, Flagge und Maskottchen und machen dann ordentlich propaganda (das Wort hat mich erst stutzig gemacht, aber im Spanischen versteht man darunter ganz normalen Wahlkampf).

CR_2017_05_12_02544Unsere Partei hieß UNCANNY, Englisch für „unheimlich“. Als Logo hatten wir den Waschbären und unsere Farben waren grün, braun und gelb.
Die Konkurrenz nannte sich CELTA und ihr Tier war die Eule. Unter ihnen waren meine ehemaligen Klassenkameraden, was mich in einen Zwiespalt brachte – letztendlich entschied ich mich jedoch, die Elftklässler zu unterstützen.

Auf dem Foto rechts sieht man eine Karikatur, die einer meiner besten Freunde entworfen hat. Auf Basis seiner Vorlagen zeichneten wir unsere Schilder.

Es gab eine chaotische Abstimmung zum Motto. Wir konnten uns partout nicht zwischen Strand/Dschungel und Zombies entscheiden. Aber wie Costa Ricaner eben so sind, wurde einfach beschlossen, die Themen zu kombinieren. Das klingt wie eine absolut bescheuerte Idee und ich war ehrlich gesagt auch nicht besonders überzeugt. Aber es hat mir einmal mehr bewiesen, wie eine entspannte Haltung Konflikte vermeiden kann: es gab keine stundenlangen Diskussionen und alle bekamen das, was sie wollten.
Seit Anfang Mai steckten wir also in den Vorbereitungen. Wir bastelten Palmen aus grünem Papier und malten Waschbärpfoten, verteilten geknüpfte Armbänder in unseren Farben, besorgten meterweise Stoff für die Flagge und ein paar echt talentierte Schüler designten Aufkleber und Plakate. Dann wählten wir einen Präsidentschaftskandidaten (die Abstimmung musste mehrmals wiederholt werden, weil keiner wirklich nachgezählt hatte  😀 ).
Parallel waren die Parteimitglieder der Celtas natürlich ebenso beschäftigt und es gab heftige Werbung um die jüngeren Schüler aus Klasse 7 und 8. Beide Gruppen mussten außerdem einen Nachmittag mit eigenem Programm gestalten.

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In der Woche der eigentlichen plazas públicas war in der Schule die Hölle los! Am Montag dekorierten wir einen kompletten Flur mit Lianen und Urwaldpflanzen aus Krepppapier, hängten Lampions auf und drapierten die riesige Fahne quer über den Schulhof. Außerdem fand ein spontaner Tanzwettbewerb statt – das heißt, verschiedene Leute wurden unter dem Gejubel der Menge auf einen Tisch gezogen und zeigten dort ihr Können. Dienstag waren die Celtas dran. Sie hatten einige Tanzeinlagen für ihre Show organisiert und riefen Leute für Paarspiele auf die Bühne. Ich musste auch dran – die Sache war mir unglaublich peinlich.

 
CR_2017_05_17_02578Mittwoch war der große Tag von UNCANNY. Die Turnhalle der Schule, wo die ganzen Veranstaltungen sich abspielten, war heimlich nachts abgedunkelt worden (gegen das Verbot der Schulleitung…) und jeder, wirklich jeder half mit. Ich war bei einer Performance dabei: zwei Mädchen machten Vertikaltuchakrobatik und das wurde als Verfolgungsjagd vor Zombies inszeniert. Deswegen machte ich mich schon früh morgens auf den Weg zu einer professionellen Make-Up-Artistin, die zehn Leute als Untote schminkte.

Die Show war der Wahnsinn. Wir hatten eine Art Geisterbahn am Eingang, bei der ich alle erschrecken durfte. Es waren eine Menge Choreografien und Spiele geplant, und die Stimmung war unbeschreiblich. Bei den Tänzen gab es ohrenbetäubendes Gekreische und tobenden Applaus. In diesen Stunden fühlte ich mich euphorisch und aufgenommen in der begeisterten Gemeinschaft meiner Schule. Alle waren dabei, alle machten mit, es war einfach großartig  ❤

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CR_2017_05_20_02616Am Donnerstag fand die berühmte Debatte statt, bei der die beiden Kandidaten über (mehr oder weniger) wichtige Themen stritten. Das hatte einen deutlich offizielleren Rahmen und wurde auch viel mehr von Lehrern kontrolliert, aber ganz zivilisiert lief es natürlich trotzdem nicht ab: es gab fiese Unterstellungen, Anschuldigungen und Hinterfragen von Wahlkampfsstrategien. Die diskutierenden Teilnehmer waren mit Feuereifer dabei und das Publikum zeigte seine Unterstützung durch Schreien und Jubeln bzw. Abneigung mit lautem Buhen.
Freitags war dann endlich die große Abstimmung. Jeder Schüler hatte eine Stimme und es wurde richtig offiziell inszeniert mit Wahlkabinen in den Klassenzimmern und langen Stimmlisten. Als nachmittags das Ergebnis verkündet wurde, waren wir nicht mehr zu halten: UNCANNI hatte gewonnen!!

 

Jetzt hat die Schule also einen neuen Präsidenten, was eigentlich nicht mehr als ein Titel ist (die Siegerpartei hält wie echte Politiker auch nur selten ihre Wahlversprechen oder beginnt überhaupt irgendwelche Projekte), aber letztendlich geht es um das Erlebnis. Ich war begeistert vom Wahlkampf, wie alle mit Engangement und Kreativität für eine Sache kämpften. Es war eine Gruppenidentität, wie ich sie von keiner deutschen Schule kenne.

Und abgesehen von den ganzen Vorbereitungen, dem Arbeiten, Bangen und Fiebern, hat es auch einfach unfassbar Spaß gemacht.  🙂

 

Hier noch ein paar Fotos, und damit verabschiede ich mich!

Bis nächstes Mal,

Annika

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2 Kommentare zu „Präsidentenwahl

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