Serenatas – Minnesang und Vandalismus

Das ist doch schon eine vielsprechende Überschrift…
Aber von vorne, liebe Freunde.

Die serenatas sind eine Tradition, der auf den ersten Blick aussieht wie Minnesang aus dem Mittelalter: der Mann besucht seine Geliebte zuhause und singt vor ihrem Fenster, um ihr Herz zu erobern. In Lateinamerika ist das immer noch der Hit, wenn ein Junge bei seiner Verehrten landen will. Dann wird oft eine Gruppe der sogenannten „mariachi“ gebucht, die dann wirklich zu ihr nach Hause kommen und in traditioneller Kleidung, mit Hüten und Instrumenten Liebeslieder spielen. Ein befreundetes Pärchen hat das tatsächlich gemacht, inklusive Rosen und Schokolade.

Aber das, wovon ich euch heute erzählen will, ist noch mal etwas komplett anderes. Ein typisch costa-ricanischer Brauch, bei dem die Elftklässler (also die Abschlussjahrgang) sich absprechen, um ihre Klassenkameradinnen nachts zu besuchen und umgekehrt. Dabei geht es aber keinesfalls ruhig und romantisch zu…

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Wir hatten schon seit Anfang des Schuljahres eine WhatsApp-Gruppe mit allen Mädchen der Stufe und es gab ab und zu Diskussionen. Dann wurden nach und nach Listen mit den Jungen aus den einzelnen Klassen zusammengestellt und eine Route überlegt. Da wir aber ca. 70 männliche Mitschüler haben, waren alle Besuche in einer Nacht natürlich unmöglich zu schaffen. Außerdem mussten wir Busse reservieren und einen Termin finden. Das war gar nicht so einfach, wie es sich anhört, denn die Jungs durften nichts davon mitbekommen und wir wollten eine Woche ohne Klassenarbeiten – denn in dieser Nacht schläft niemand viel.

Zwei Tage vorher gab es großen Stress, weil einer der Minibusse kurzfristig absagte. Deswegen wurde noch ein kleiner Lastwagen gemietet, der eigentlich für Viehtransport benutzt wird. Die serenatas fanden an einem Dienstag im Juni statt und wir trafen uns um 10 Uhr abends im Park. Wir waren ungefähr dreißig Mädchen und viele hatten Mehl, Eier oder Sirup dabei. Die andere deutsche Austauschschülerin, mit der ich damals schon gut befreundet war, und ich wechselten einen Blick: „das kann ja heiter werden…“. Dann quetschten sich über zwanzig Mädchen in den Transporter -wir zwei hatten einen Platz im Neunsitzer ergattert- und es ging los!

Einige hatten eine Route ausgearbeitet und wir starteten ziemlich weit weg von unserem Dorf. Schon die halbe Stunde Fahrt zum ersten Haus war sehr lustig, wir sammelten noch ein paar Klassenkameradinnen auf dem Weg ein und lachten und redeten.
Unsere erste serenata war nicht nur für den armen Jungen eine ziemliche Überraschung, den wir aufweckten. Ich hatte mir das eigentlich so vorgestellt, dass wir Text bekommen und die Lieder einüben. Es lief dann ein bisschen anders…

Wir parkten einige hundert Meter entfernt, und unter Tuscheln und Kichern und den ständigen gegenseitigen Ermahnungen, still zu sein, schlichen wir zu dem Haus. Dann begannen plötzlich alle, lautstark zu singen. Es waren hauptsächlich mexikanische Volkslieder und romantische Stücke, aber wir sangen meist nur den Refrain (und an dieser Stelle muss man auch sagen, dass „singen“ eine sehr beschönigende Umschreibung ist). Jedenfalls riefen wir nach den wenigen Minuten tatsächlichen Gesangs nach dem jeweiligen Jungen mit dem Slogan te queremos (Name), te queremos!, das heißt so viel wie „wir lieben dich“, mit dem Ziel, dass er nach draußen käme. Das tat er in den meisten Fällen auch, woraufhin er mit allen möglichen Lebensmitteln beworfen wurde. Es gab Gelächter, ein Gruppenfoto und dann zogen wir weiter.

So ging es die ganze Nacht lang. An einigen Stellen eskalierte die Situation, die Terrassen wurden beschmutzt und einmal sogar Blumentöpfe umgeworfen. Meistens lief es aber friedlich, bei einigen Häusern bekamen wir sogar Essen und Trinken geschenkt. Irgendwann bekam ich eine Flasche Sprite in die Hand gedrückt und danach eine Kochbanane. Die schenkte ich ein bisschen später einfach einem anderen Jungen. Achja, unsere Mitschüler mussten natürlich duschen, nachdem wir wieder abgezogen waren.

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Um vier Uhr morgens hatten wir ca. fünfzehn Häuser abgeklappert, waren todmüde und heiser. Die Fahrer lieferten uns in den jeweiligen Dörfern ab. Ich und drei andere Mädchen schliefen zusammen bei einer Freundin – wobei ich beschloss, dass es sich nicht mehr wirklich lohnte, noch schlafen zu gehen. Ich hörte Musik, beobachtete den Sonnenaufgang und wartete, bis die anderen aufwachten, um zur Schule zu gehen. Dort waren natürlich viele übermüdet und verschlafen… Aber das war es wert!

Meine zweite Erfahrung mit nächtlichen Gruppenbesuchen hatte ich eine Woche vor meinem Rückflug nach Deutschland. Da machten nämlich die Jungs ihre Runde. Lustigerweise waren am selben Abend meine drei besten Freundinnen zum Übernachten da. Weil wir das erste Haus waren, dass sie besuchten, waren wir noch wach, als um elf Uhr abends Lärm von der Straße hereindrang. Da meine Gastmutter mich gewarnt hatte, auf keinen Fall nach draußen zu gehen, gingen wir auf den Balkon und sahen lachend zu, wie die Jungs (es waren etwa so viele wie wir damals) über den Zaun kletterten. Dann standen sie alle im Garten und riefen zu uns hoch. Rocio hat dann erlaubt, dass wir auf die Terrasse gehen, damit mein Freund mir eine rote Rose überreichen konnte. Das war wirklich romantisch und ein sehr schöner Besuch. Die Jungs blieben etwa eine Viertelstunde, bevor sie sich wieder auf den Weg machten – sie mussten ja noch einer Menge Leute vorsingen. 😉

Einerseits hätte ich eine solch abenteuerliche Tradition gerne auch an deutschen Schulen, aber hier rufen die Nachbarn wahrscheinlich die Polizei, wenn um drei Uhr morgens ein Haufen Jugendliche singend vor einem Balkon stehen.
Von daher lassen wir das wohl lieber in Costa Rica. Ich bin trotzdem dankbar, so etwas miterlebt zu haben.

Damit sage ich adiós muchachos, bis nächstes Mal!

Annika  ❤

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7 Kommentare zu „Serenatas – Minnesang und Vandalismus

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